Traditionelle Maltechniken in digitaler Kunst umsetzen

Traditionelle Maltechniken in digitale Kunst umsetzen

Traditionelle Maltechniken in digitaler Kunst! Verwenden Sie traditionelle Techniken und Wissen in Ihrer Malsoftware und die Attraktivität Ihrer Werke wird weiter steigern. Der französische Concept Art-Künstler Simon Goinard erklärt hier wie das geht.

 

Überblick

Dies ist ein kurzer Workshop, der erklären soll, wie das Hinzufügen traditioneller Maltechniken zu einem digitalen Bild dessen Aura verändern und ihm mehr Tiefe verleihen kann. In diesem Zusammenhang werde ich Bedeutung, Effekt und Möglichkeiten beschreiben, mehrere Maltechniken im digitalen Format wiederzugeben, und zeigen, wie diese unterschiedlichen Herangehensweisen an Pinselstriche unterschiedliche Auswirkungen auf den Betrachter haben können. Zuletzt werde ich das Endergebnis und die Wichtigkeit dieser Techniken umreißen, die als „Bravura“-Pinselführung bezeichnet werden.

 

Vorbereitung

Man braucht kein komplexes technisches Wissen, um mit dem zu experimentieren, was ich hier behandeln werde. Allerdings ist ein grundlegendes Verständnis von Pinseleinstellungen und Ebenenanpassungen in CLIP STUDIO PAINT oder deiner bevorzugten Software hilfreich.

 

Wenn du gerade mit dem Malen in CLIP STUDIO beginnst, empfehle ich dir den folgenden Artikel mit einfachen Tipps:
Zeichentipps und Tooleinstellungen für den [Echte Wasserfarben] Pinsel

 

Einleitung

Thema, Medium und Stil sind die drei Grundlagen eines Gemäldes. Im digitalen Format sind von diesen drei Komponenten zwei stark miteinander verbunden und werden oftmals verwechselt: Medium (Pinsel) und Stil (Ausarbeitung).

 

Heutzutage gibt es in vielen digitalen Programmen Möglichkeiten, Medien zu imitieren, da Pinsel mit Texturen oder veränderbaren Kanten heutzutage zur Grundausstattung gehören. Was viele Menschen jedoch feststellen, ist, dass diese Pinsel allein nicht ausreichen, um das Gefühl oder den Ausdruck wiederzugeben, den sie für ihre Bilder beabsichtigen.

 

Dies liegt daran, dass wir häufig vergessen, dass ein Pinselstil nicht nur auf dem Medium „Pinsel“ basiert, sondern eine Kombination aus Pinsel, Technik und viel Erfahrung ist. Basierend auf diesem Prinzip werde ich einige Techniken vorstellen, die in Kombination mit dem richtigen Medium und etwas Übung zu mehr Tiefe in deinen Gemälden führen können.

 

Gesten definieren

Die erste traditionelle Technik, die digital verstanden und vermittelt werden muss, ist die Geste, da ein Gemälde viel mehr ist als nur die Kopie einer realen Szenerie oder die Neuerstellung einer konzeptuellen Idee. Die Synthese einer Idee mit einer Bewegung entscheidet, ob es sich um ein gutes und meisterhaftes Gemälde handelt.

 

Das Lernen, wie man mit Gesten zeichnet, wird schnell dein Auge schulen und dir helfen, gute Kompositionen und dynamische Blickwinkel zu erstellen.

 

Die folgenden drei Regeln werden dir bei Gesten sehr behilflich sein:

 

1. Erstelle IMMER eine Miniaturansicht deiner Komposition (kleiner als 800 Pixel) mit größeren Pinseln als normal (+50% bis 200%).

Dies verleiht der Skizze ein dynamisches Gefühl und trainiert mühelos dein Gedächtnis.

 

 

2. Male deine Grundierung IMMER mit der gleichen Methode: harte Pinsel, um Themen zu definieren, weiche Pinsel, um die unmittelbare Umgebung zu definieren.

Dies ist eine wichtige Regel, die auch starke Kontraste, Hierarchien und Brennpunkte in deinem Bild erzeugt.

 

 

3. Arbeite das Volumen IMMER mit Linien aus.

Egal ob transparent oder dick, du solltest in der Lage sein, deine Details nach und nach zu zeichnen, da das willkürliche Anwenden von Strichen den Blick auf das Werk nur erschwert. Ich sehe oft Menschen, die in ihrer Ausarbeitung stocken und nicht weiterwissen. Erstelle dir ein Gedankenmuster für deinen nächsten Strich. Das wird dir nicht nur beim Ausarbeiten helfen, sondern du wirst auch schneller Kunstwerke beenden können. John Singer Sargent war berühmt für seine Fähigkeit, diese Regel in seinen Gemälden zu vermitteln.

 

 

Farbtiefe

Dies ist eine in der Ölmalerei angewandte Technik, die im digitalen Format immer noch relevant ist. Es war ursprünglich eine materielle Einschränkungsregel namens „fett auf mager“. Jedoch wirkt sich dies Anwendung auch sehr stark auf das Bild aus, auf das es aufgetragen wird, besonders auf dessen Farbtiefe.

 

Die Farbtiefe in digitalen Medien lässt sich so einfach zusammenfassen: Beim Malen sollten deine obersten Schichten immer die mit kräftigen Farben sein. Je stärker die Farbe und der Farbanteil auf diesen oberen Ebenen sind, desto stärker fällt das Bild auf und ist kontrastreich. Es ist ein wichtiger Schritt, diese Regel im direkten Bezug auf deine Komposition zu berücksichtigen, denn er wird sich wie von selbst im Laufe der Zeit positiv auf deine Ausarbeitung und Farbauswahl auswirken.

 

 

Mit Texturen malen

Impasto“ ist eine fortgeschrittene, traditionelle Technik, die einem Gemälde einen starken, bildnerischen, fast dreidimensionalen Ausdruck verleiht. Sie kann digital nachgebildet werden, um Textureffekte und Ausarbeitungen zu verbessern.

 

Das digitale Nachbilden einer Impasto-Atmosphäre erfordert einen nicht-transparenten Ansatz und die Verwendung von „deckenden-auf-deckenden“ Pinseln. Acrylfarben oder Gouache-Voreinstellungen sind ideal dafür.

 

Du kannst diesen einzigartigen Effekt zum Leben erwecken, indem du genau dieselbe Linie mit einem kleineren, deckenden Pinsel über den größeren malst. Bei dieser Ausarbeitung kannst du sogar noch weiter gehen, indem du unmittelbar vor der Verwendung deiner zweiten Farbe eine Zwischenebene (wie ein Sandwich) mit einer Strichstärke von 100% Schwarz einfügst.

 

Schließlich kann sich auch das Grundieren mit reinem Schwarz positiv auf dein Impasto auswirken, da es deinen Inhalt umrandet. Dies war eine häufige Methode, mit der van Gogh seine Leinwand ausstattete.

 

 

Malen mit Kontrast

Die effektvolle Beleuchtung in traditionellen Medien ist eine Technik, die entwickelt wurde, um Details als starke Kontraste zwischen den Lichtquellen darzustellen. Das ist eine sehr wirkungsvolle Methode, die als direktes und/oder voluminöses Schattieren zusammengefasst werden kann.

 

Um diesen Effekt digital erzeugen zu können, braucht man semi-transparente Pinsel und einen feststehenden, „lauwarmen“ Farbton (Rot, Orange, Gelb), den du durch Strichsetzungen auf jeder Seite anpasst.

 

Da sich die Lichtanpassung nicht direkt auf die Farbe auswirkt, ist sie in der Tat die einfachste Möglichkeit, sehr schnelle und eloquente Ausarbeitungen zu erstellen, da nur geringe Variationen von Helligkeitsgraden erforderlich sind, anstatt komplexer Variablen von Strichabweichungen.

 

 

Bravura

Bravura bedeutet auf Italienisch „meisterhaft“. Es ist oft das, was Menschen sofort fühlen, wenn sie die Kunst von Velasquez, Tizian, Vermeer, Goya oder Caravaggio betrachten. Ein unmittelbares Gefühl der Ehrfurcht, das viele Betrachter nicht richtig beschreiben können. Von allen Qualitäten, die die meisten Maler anstreben, ist dies die höchste.

 

Das Grundprinzip eines „Bravura“-Pinselstrichs ist der gezielte Einsatz von Wissen über die Malerei. Er ist in jeden, oben aufgezählten Aspekt Bestandteil. Wenn du immer versuchst, diese Techniken anzuwenden, wird es sehr dabei helfen, das Bravura-Konzept und die Tiefe dahinter richtig zu erfassen. Es ist eine grundlegende Möglichkeit, deinen Gemälden auf natürliche Weise Leben und Persönlichkeit zu verleihen, egal ob du Einsteiger oder Fortgeschrittener bist.

 

 

 

Der Künstler stellt sich vor

Simon Goinard ist ein französischer Concept Art-Künstler, der in der Unterhaltungs- und Verlagsbranche für Kunden wie 20th Century Fox, Ubisoft Entertainment, NBC, ArenaNet, die Walt Disney Company und andere tätig ist. Er arbeitet auch an Nebenprojekten zur Entwicklung neuer Technologien sowie an seinen persönlichen IPs. Einige Werke werden auf seinen Websites gezeigt.
www.simongoinard.com
simongoinard.artstation.com