Mit übertriebenen Emotionen lustige Emotes selbst erstellen

Mit übertriebenen Emotionen lustige Emotes selbst erstellen

Illustratorin Julillu zeigt dir, wie du unvergessliche Gesichtsausdrücke zeichnen kannst. Durch das Vereinfachen und sogar Übertreiben der Gesichtsmuskeln kannst du den Emotionen von deinen Emotes, Chibi- und Tiercharakteren freien Lauf lassen.

 

 

Einführung

In diesem Tutorial möchte ich euch die verschiedenen Arten eines Gesichtsausdrucks, deren Entstehung und Schlüsselmerkmale aufzeigen. Außerdem werde ich Möglichkeiten aufdecken, diese Ausdrücke zeichnerisch wiederzugeben und sogar in ihrer Wirkungsweise zu verstärken. Mittels Emotionen teilen wir unsere Befindlichkeiten, Persönlichkeit, Beziehungen (untereinander), Gedanken und Gefühle mit.

 

Gerade für die Erstellung für Emotes dienen Gesichtsausdrücke der Verständigung. Sie sind Ausdrucksformen von Stimmungen, Absichten, Zuständen oder Reaktionen. Eine Emotion sollte möglichst klar und für den Betrachter verständlich dargestellt sein. Es ist wichtig, die jeweilige Gemütsverfassung wiederzugeben oder sogar durch Überzeichnung zu erweitern.

 

 

1 Was sind Emotionen?

Mittels Emotionen teilen wir unsere Befindlichkeiten, Gedanken und Gefühle mit. Emotionen äußern sich auf mehreren Ebenen:

 

 

  • als ein Gefühl, das wir bei einer Emotion erleben
  • als Verhalten, z.B. in der Mimik, der Gestik, Körperhaltung oder Körperbewegung
  • als körperliche Reaktionen z. B. Herzrasen, Schwitzen, Muskelverspannungen, Schmerz
  • Kognition, z. B. durch die Erwartung, dass etwas Schlimmes passieren könnte

 

 

Neurowissenschaftler unterscheiden oft zwischen Gefühlen, die ein Ergebnis abstrakten Denkens sind, und Emotionen, die angeboren und als Ergebnis der Evolution genetisch vorbestimmt sind. Ein Gefühl ist eine subjektive Komponente und nur ein Teil einer Emotion. Es entsteht durch die Bewertung von Ereignissen.

 

 

Bei der Unterteilung der vielen Arten von Emotionen hilft der Vergleich zum bekannten Farbkreis (nach Itten). Wie man hier aus den Primärfarben Blau, Gelb und Rot alle übrigen Farben und Farbtypen mischen, erweitern und kombinieren kann, so kann man das auch bei den Emotionen. Hierbei lässt sich die Mimik in sechs Grundausdrucksweisen unterteilen.

 

Diese Primäremotionen sind:

 

 

Freude, Angst, Überraschung, Zorn, Traurigkeit/Verzweiflung und Ekel/Abscheu

 

Durch das Kombinieren und Mischen lassen sich schier unendlich viele verschiedene Emotionen entwickeln. Zusammengesetzte Gefühle und emotionale Zustände wären beispielsweise: Erstaunen, Ausflippen, Hass, Grausamkeit, Freudentränen, Hoffnungslosigkeit, Nostalgie, Ehrfurcht und Bitterkeit.

 

 

Auch mehr als zwei Emotionen können gemischt werden:

Angst + Wut + Traurigkeit -> Eifersucht.

 

 

Wer Eifersucht verspürt, hat Angst davor, dass etwas mit dem/der/den Geliebten passieren könnte. Gleichzeitig verspürt man etwas Wut und möchte das Gegenüber schützen. Außerdem macht einem die Vorstellung traurig, denjenigen/diejenige zu verlieren.

 

Besonderheit der Mimik: Falsch vs. echt

 

Wir Menschen sind in der Lage Emotionen vorzutäuschen. Bei einem Lachen oder Lächeln zum Beispiel sind vor allem die Augen entscheidend. Ein falsches Lachen signalisiert Unsicherheit oder Überheblichkeit. Ein zuverlässiges Zeichen für ein echtes Lächeln wäre, wenn die Augendeckfalten sich beim Lachen absenken. Diese befinden sich zwischen Augenbraue und Augenlid. Das falsche Lachen oder Lächeln entsteht nur mit Mund.

 

Ein Gesichtsausdruck kann verschiedene Richtungen und Bedeutungen sowie einen völlig anderen Kontext besitzen. Ein erschrockener Gesichtsausdruck kann sowohl eine positive, als auch eine negative Bedeutung haben.

 

2 Wie entsteht Mimik?

Beim Zeigen einer Emotion sind viele Muskeln im Gesicht beteiligt. Unsere Gesichtsausdrücke werden durch ein äußerst komplexes Zusammenspiel unserer Gesichtsmuskeln geformt. Die mimische Muskulatur kann bewusst und unbewusst gesteuert sein. Hier sind ein paar dieser Muskeln und die jeweilige Funktion (Rot) vereinfacht dargestellt.

 

 

3 Grundemotionen

Bevor wir uns mit der nötigen Abstraktion und Vereinfachung der Emotionen beschäftigen, lass uns die realistische Darstellung der Primäremotionen eines menschlichen Gesichtes anschauen. Hierbei sind anatomische Grundlagen für das Zeichnen eines Kopfes von Vorteil.

 

 

Dieses Bild zeigt geradezu keinen Ausdruck. In diesem Gesicht sind alle Muskeln entspannt. Lediglich die Muskeln der Augenlider, die die Augen geöffnet halten, sind aktiv.

 

 

Bei der Freude schaut die Tätigkeit der Muskeln und Muskelgruppen schon ganz anders aus. Die Mundwinkel heben sich an und der Mund wird breiter gezogen. Lachfalten neben den Nasenflügeln, Augen und Mundwinkeln entstehen. Die Wangenhaut wird beim Lachen und Lächeln zusammengedrückt.

 

 

Bei der Überraschung ist der Mund meist entspannt. Dieser kann geöffnet oder geschlossen sein. Die Augen sind aufgerissen und die Augenbrauen hochgezogen.

 

 

Die Angst im Gesicht ist gekennzeichnet durch hochgezogene Augenbrauen, die aber auch nach innen gezogen sind. Die Mundwinkel gehen zur Seite auf. Die Augen sind mit geweiteten Pupillen groß und weit aufgerissen.

 

 

Beim Zorn werden die Augenbrauen runter und zusammengezogen. Dadurch entstehen vertikal zwischen diesen gut sichtbaren Falten. Die Augen können zusammengekniffen oder aufgerissen erscheinen. Der Mund bekommt schmale Lippen und wird angespannt zusammengedrückt. Die Mundwinkel können sich leicht nach oben anheben. Die Oberlippe kann sich nach oben ziehen, ähnlich wie bei einem zähnefletschenden Hund.

 

 

Die gerümpfte Nase ist ein wichtiges Merkmal für Ekel oder Abscheu. Die Nase wirkt breiter und die Nasenspitze zeigt nach oben. Die nach oben gezogenen Nasenflügel wirken, als wären sie aufgebläht. Es entstehen Falten neben der Nase. Die Oberlippe kann komplett, aber auch einseitig, hochgezogen sein. Die Mundwinkel zeigen nach unten. Die Augen erscheinen schmal und sind zusammengezogen. Dadurch entstehen Falten zwischen ihnen. Die Augenbrauen befinden sich waagerecht auf gerader Linie.

 

 

Bei Traurigkeit bzw. Verzweiflung gehen die Augenbrauen innen ein wenig zusammen und werden hochgezogen. Die innere Augenbraue hebt sich leicht. Auch die oberen Augenlider sind innen leicht angehoben. Der Mund ist relativ entspannt. Er kann aber durch die Intensität der Emotion weiter aufgerissen erscheinen. Die Mundwinkel zeigen nach unten. Unter der Unterlippe kann eine leichte Falte entstehen. Auch mittels einer „Schippe“ kann Verzweiflung gezeigt werden. Der Blick kann Richtung Boden deuten.

 

Gerade für Emotes habt ihr durch die geringe Endgröße sehr wenig Platz für Details. Deshalb wäre eine realistische Darstellung ungeeignet für die zeichnerische Umsetzung. Es ist sinnvoll, die Emotionen erst einmal aufs Wesentliche zu reduzieren, um dann diese Elemente eventuell zusätzlich zu verstärken.

 

4 Reduktion

Im Gegensatz zum Realismus, bei dem die Darstellung natürlich und detailreich ist, setzen wir bei der Reduktion auf eine starke Vereinfachung der Schlüsselmerkmale. Darunter zählen: Augenbrauen, Mund und Augenform. Hierbei ist es wichtig, dass wir das Wesentliche vermitteln. Der Comic- und Cartoon-Stil bedienen sich dieser Prinzipien. Diese Darstellungsform eignet sich für Emotes am Besten. Um eine Emotion auszudrücken, reichen wenige Striche und entscheidende Elemente. Die Winkel der Augenbrauen und die Mundform spielen hier die wichtigste Rolle!

 

 

I.)  Niedrigste Vereinfachungsstufe

II.) Extrem vereinfacht

 

5 Verstärkung

 

Vereinfachte und reduzierte Darstellungen lassen sich leichter verstärken und in ihrer Wirkung steigern. Hierbei werden vor allem die Schlüsselmerkmale überdeutlich erweitert. Dabei hilft auch, die ursprüngliche Bewegungsrichtung eines Ausdrucks zu steigern. Je stärker eine Gemütsbewegung ist, desto stärker kann die Verzerrung gestaltet werden. Die Größe und Position der Schlüsselmerkmale sowie das Hinzufügen und Verstärken von emotionstypischen Elementen (z. B. Tränen bei der Verzweiflung) kann der Überspitzung einer gezeichneten Emotion dienen.

 

Gegenüberstellung von realitätsnahem Stil und vereinfachtem Cartoon-Stil mit Übertreibung.

 

 

Eine gezeichnete „Emotionskartei“ ist gut für das Experimentieren mit Übertreibungen und stellt ein Archiv für unzählige Varianten und Kreationen dar.

 

 

Mit einer lebhaften Vorstellungen und Fantasie habt ihr unzählige Möglichkeiten, gewisse Situationen, äußere (Umgebung, Temperatur) und innere (Gefühlslage, Gedanken) Zustände sowie Absichten des Charakters eine Geschichte zu bieten und ihm Leben sowie Persönlichkeit einzuhauchen.

 

Verformung

Die Gesichts- und Kopfverformung ermöglichen es uns, einen bestimmten Ausdruck in seiner Erscheinungsform extrem zu verstärken. Dabei gilt es, die Bewegungsrichtung zu verstärken und/oder wichtige Elemente in ihrem Abstand zu verändern.

 

 

Links: Neutral, Mitte: Gestreckt, Rechts: Gequetscht

 

6 Spezialeffekte & Symbole

Die Wirkung eines Ausdrucks kann auch mit Symbolen, die gerade in der Comicsprache großen Einsatz finden, verstärkt werden. Sie können eine bestimmte Emotion essentiell unterstützen. Hierbei ist es wichtig, dass ihr die Bedeutung des entsprechenden Symbols kennt. Ansonsten können diese verwirrend und ablenkend sein. Der Gebrauch sollte nicht übermäßig sein, sonst überladen sie das Motiv. Die Perspektive/Stellung/Haltung des Kopfes und der Gesten können ebenfalls eine emotionale Darstellung untermauern. Der Zustand des Körpers und äußere Reize haben wesentlichen Einfluss auf unsere Mimik. Schläfrigkeit, Krankheit, Entspannung, Berauschtsein, Anstrengung, Kälte oder Wärme lassen sich durch verschiedene Kennzeichnungen abbilden.

 

 

Zum Beispiel durch: Verfärbung des Gesichtes (Übelkeit, Angst), kleinen Schweißtropfen (Panik, Anstrengung), Begeisterung (Sterne als Augen), Wut (pulsierende Vene oder Rauch aus den Ohren), Einfall (Glühbirne), Unschuld (Heiligenschein), Verliebtsein (kleine Herzen), Schrecken (Haare abstehend), Hunger (Sabbertropfen) usw.

 

7 Chibi-Stil

 

Die Chibis  (jap. ちび, dt. „klein, winzig, zwergenhaft“) mit ihrer reduzierten Größe und einfachen Proportionen eignen sich sehr gut als Emote-Motive. Auch könnt ihr hier die Symbolik aus der Mangasprache zur Verstärkung und Unterstützung eines Ausdrucks einsetzen. Der Stil wird gern benutzt, um starke emotionale Handlungen darzustellen.

 

 

8 Tiere

 

Tierische Wesen finden häufig Verwendung für Emotes. Hierbei lassen sich die Prinzipien der Reduktion und der Verstärkung ebenfalls übertragen. Im Gegensatz zu menschlichen Figuren weisen Tiere ein paar Elemente auf, die auch für eine Emotion genutzt werden können. Viele Tiere besitzen Ohren, die flexibel sind und mit dessen Hilfe sie ihr Befinden und Stimmung der Außenwelt mitteilen.

 

 

Es kann eine Herausforderung bei einigen Tieren sein, Emotionen darzustellen. Sie besitzen keinen Mund und Augenbrauen wie bei uns Menschen. Daher ist es hilfreich, sich mit der jeweiligen Anatomie des Tieres zu beschäftigen. Fertigt dabei am Besten Studien an, beobachtet sie und analysiert deren Schlüsselmerkmale. Statt Münder haben Tiere vor allem Schnauzen und Schnäbel. Selbst diese unterscheiden sich enorm im Aussehen. Statt Hände haben Tiere meist Pfoten, Hufen, Flossen oder Flügel. Dennoch kann man die Grundmerkmale von uns Menschen auch auf diese Formen übertragen.

 

Eine mögliche Darstellungsform von Emotionen anhand einer Ente:

 

 

Weitere Beispiele von Eichhörnchen, Löwen und Papageien.

 

 

Ihr könnt praktisch mit jedem Lebewesen oder selbst Gegenständen und Lebensmitteln wie Gurken zeigen, was sie fühlen, denken und wie es ihnen geht.

 

 

Ich hoffe, dass euch dieses Tutorial hilft, ausdrucksstarke Gesichtsausdrücke zu entwerfen, die Emotionen eurer Charaktere authentisch wiederzugeben und sie lebhaft zu kommunizieren.

 

Vielen Dank fürs Lesen und für eure Aufmerksamkeit. (:

 

– Julillu

https://www.twitch.tv/julillu

https://www.julillu.de/